Brief von Bischof Chavez aus El Salvador

Bischof ChavezWeihbischof Gregorio Rosa Chavez hat im April nach der Wahl des neuen Papstes folgenden Brief an die beiden Pfarrgemeinden von Gersthofen und Utting geschrieben:

“EL SEÑOR NOS SORPRENDE SIEMPRE”

“DER HERR ÜBERRASCHT UNS IMMER”

Gedanken über Papst Franziskus aus Lateinamerika

Als ich gerade diesen Artikel senden wollte, las ich die Nachricht,

dass Papst Franziskus “den Seligsprechungsprozess von Monseñor Romero entsperOscar Romerort hat”. Es ist nicht zufällig, dass er diese Ankündigung am Guten-Hirten-Sonntag geäußert hat.

Das ist eine weitere Überraschung des “Papstes, der vom Ende der Welt kam”. Des Hirten, der wieder die Türen und Fenster der Kirche öffnet, damit – dem II. Vatikanischen Konzil folgend – der frische Atem des Heiligen Geistes frei wehen kann. Wir sind staunende Zeugen eines neuen Frühlings der Kirche.

Papst Franziskus predigte in der Osternacht: “Wir sind wie die Apostel aus dem Evangelium: Oft ziehen wir es vor, unsere Sicherheiten beizubehalten, bei einem Grab stehenzubleiben (…).Wir haben Angst vor den Überraschungen Gottes; (…). Der Herr überrascht uns immer!”.

In seiner letzten Ansprache vor dem Beginn des Konklave, hat Kardinal Jorge Mario Bergoglio das Papstprofil beschrieben, wie es die Kirche und die Welt von heute benötigt: “Er soll ein Mensch sein, der aus der Betrachtung Jesu Christi und aus der Anbetung Jesu Christi der Kirche hilft, an die existenziellen Ränder der Erde zu gehen, der ihr hilft, die fruchtbare Mutter zu sein, die aus der „süßen und tröstenden Freude der Verkündigung“ (Paul VI) lebt. Ich stelle mir vor, dass er, als er wenige Tage später zum Papst gewählt war, dachte: „Der Herr überrascht uns immer“.

Wer das Glück hatte, ihn persönlich kennen zu lernen, hat in ihm einen Menschen gesehen,

–        der während seines ganzen priesterlichen und bischöflichen Dienstes die Sanftmut und die Barmherzigkeit Gottes wiederspiegelte, vor allem in den “existenziellen Rändern” der Welt,

–        einen zurückhaltenden Menschen, ruhig, tiefgründig und vor allem stimmig.

So wie Kardinal Dolan, Erzbischof von New York, über Papst Franziskus sagte: “Es ist, als ob Jesus auf die Erde zurückgekommen sei”.

Aus all dem folgt für mich, Franziskus ist wie eine Synthese des Besten aus der lateinamerikanischen Kirche, der einzigen, die offiziell die Texte des II. Vatikanischen Konzils “empfangen” hat. In der Tat, die Vollversammlung der lateinamerikanischen Bischofskonferenzen 1968 in Medellín, welche von Papst Paul VI. eröffnet wurde, war ein sehr ernsthaftes Bemühen, die Texte des Konzils auf dem Hintergrund der schmerzlichen und blutigen Wirklichkeit des “Kontinents der Hoffnung” zu lesen.

Ich war noch nicht Bischof, als 1979 die dritte Vollversammlung der lateinamerikanischen Bischofskonferenzen in Puebla stattfand. Auf ihr hat Johannes Paul II., im Licht des päpstlichen Schreibens Pauls VI “Evangelii Nuntiandi”, die meisterhaften Linien der “Neu-Evangelisation” beschrieben. Wie sehr wurde Bergoglio innerlich von der faszinierenden Botschaft ergriffen, welche sofort die Seinige wurde: die vorrangige Option für die Armen! Und wie hat die Vollversammlung die Welt erschüttert, als sie, vor tausenden von Journalisten aus der ganzen Welt, ihre Utopie veröffentlichte: “Sie will eine arme Kirche sein und eine Kirche für die Armen!”

Es war freilich auf der fünften Vollversammlung der lateinamerikanischen Bischofskonferenzen im Mai 2007 in Aparecida, wo wir diesen außergewöhnlichen Hirten richtig kennenlernten. Die Bischöfe des Kontinents haben ihn zum Koordinator der Arbeitsgruppe gewählt, welche das Schlussdokument redigierte. Vor mehr als fünfhundert Jahren kam der Glaube aus Europa in unser Land. Heute ist es Lateinamerika, das in Papst Franziskus auf diese große Gnade antwortet. Es gibt keinen Zweifel: “Der Herr überrascht uns immer”.

Gregorio Rosa Chávez

San Salvador, April 2013.